Ausgangslage

Sind die Freiwilligendienste queer mitgedacht?

Ein Blick in die Studien

Die Freiwilligendienste erleben seit der Aussetzung der Wehrpflicht und dem damit einhergehenden Wegfall des Zivildienstes einen Boom bei Jugendlichen. Als pädagogische Begleitung erleben wir im Austausch mit den bundesweit tätigen Kolleg*innen eine Gemengelage an unterschiedlichen Herausforderungen. In den vergangenen Jahren wurde vielfach von vermehrten psychischen Auffälligkeiten bei Freiwilligen berichtet. Depression, selbstverletzendes Verhalten, Süchte bis hin zu suizidalen Gedanken stellen leider keine Ausnahmen mehr dar.

Unsere Gesellschaft öffnet sich in vielen Bereichen, spätestens mit gesetzlicher Verankerung der sog. Homoehe ist die öffentliche Wahrnehmung um queere Menschen in den Fokus gerückt und es wird nicht mehr ganz so verhalten tabuisierend über LGBTIQ* gesprochen. Über den tatsächlichen Anteil queerer Freiwilliger gibt es aktuell keine Zahlen. Bekannt sind nur die Zahlen ausgehend der ersten groß angelegten LSBT*-Jugendstudie „Coming-out – und dann…?! Ein DJI-Forschungsprojekt zur Lebenssituation von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen und jungen Erwachsenen“ (2015). An der Studie nahmen über 5.000 lesbische, schwule, bisexuelle und trans* Jugendliche und junge Erwachsene (LSBT*) im Alter zwischen 14 und 27 Jahren teil. In einer quantitativen Onlinebefragung sowie 40 qualitativen Interviews berichteten die LSBT*-Jugendlichen und jungen Erwachsenen ausführlich von ihrer Lebenssituation. In Bezug zu den Freiwilligendiensten gibt es einen interessanten Hinweis in der Studie. So wird in Abbildung 4 „Bildungs-/Beschäftigungsverhältnis zum Zeitpunkt der Befragung (N=4.936) (2017) angegeben, dass 2,9 % sich in einem Freiwilligendienst befanden. Leider lässt dies keinen Rückschluss darauf zu, wie hoch der Anteil queerer Jugendlicher ist, die einen Freiwilligendienst planten und bereits einen Freiwilligendienst absolviert hatten. In einer Studie (2016) gaben 11,2 % der 14–29-Jährigen an, queer zu sein. Aber, in der Studie wird auch deutlich, dass in der gleichen Altersgruppe 14,1 Prozent angaben, zumindest teilweise dem gleichen Geschlecht zugewandt zu sein. Hinzu kommen zwei Prozent, die sich als asexuell bezeichnen.

Aus unserer pädagogische Arbeit stellen wir fest, dass nur vereinzelt Teilnehmer*innen die Bezeichnung hinter der Buchstabenabfolge LGBTIQ* oder LSBTTIQ* usw. kennen bzw. wissen, um was es sich konkret handelt. Das Wissen ist als gering einzuschätzen, die Akzeptanz und das Interesse hingegen als sehr groß. Dies zeigt, dass es ein Bedürfnis nach Genderkompetenz gibt.

Schauen wir auf die weltweiten Studien, so ist die Datenlage eindeutig. Ausgehend einer aktuellen US-amerikanischen Studie (2018) kam heraus, dass 46 % der Bi-Schüler über einen Suizid nachgedacht haben, 41 % ihn geplant haben und 32 % einen Selbstmordversuch unternommen haben, wobei der Anteil der Mädchen höher lag.  Eine ältere schweizerische Studie (2009, ebd.) kam zu dem Ergebnis, dass jeder fünfte schwule, lesbische oder bisexuelle Jugendliche im 12-Monatszeitraum vor der Studie versucht hat, sich umzubringen. In der Studie wird auch der Hinweis darauf gegeben, dass der Drogen und Alkoholmissbrauch höher ist als unter Heterosexuellen.

In einer weiteren Studie (2018), die 13.000 Studierende im ersten Studienjahr (also das klassische FSJ-Alter) aus acht Ländern, darunter auch Deutschland, mit einschloss, wurde deutlich, dass fast ein Drittel bereits über einen Suizid nachgedacht hat. Wichtigster Risikofaktor ist es, nicht heterosexuell zu sein, homo- und bisexuelle Studierende hätten ein vier- bis achtmal höheres Risiko für suizidale Gedanken bzw. Verhaltensweisen als ihre heterosexuellen Kommiliton*innen. Hetero-Studierende, die schon einmal gleichgeschlechtlichen Sex hatten, haben demnach ein drei- bis vierfach höheres Risiko, und überwiegend heterosexuelle Studierende mit einer gleichgeschlechtlichen Präferenz ein zweifach höheres Risiko im Vergleich zu komplett heterosexuellen Studierenden. Alleine diese Zahlen machen sehr deutlich, dass es strukturelle Veränderungen in der Ausgestaltung insbesondere der pädagogischen Begleitung der Freiwilligendienste bedarf.

Ein Freiwilligendienst dient in erster Linie der Persönlichkeitsentwicklung, wir möchten, dass dieses Bildungsjahr allen Menschen im entsprechenden Alter barrierefrei zur Verfügung steht. Wenn queere Jugendliche bislang gruppenbezogene Diskriminierung erfahren haben, beispielsweise in Form von Mobbing aus Schule, Verein usw., wie es die multimethodisch angelegte queere Studie „Jung, LSBTIQ* und die Jugendarbeit in Niedersachsen“ (2018) deutlich macht, könnte sich dies negativ auf die Bewerbung für einen Freiwilligendienst auswirken: Für einen Freiwilligendienst wird sich eher nicht entschieden. Die Ergebnisse der Biografiestudie zeigen, dass queere Jugendliche spezifische Angebote innerhalb der Jugendverbände benötigen. Dies bedarf einer erhöhten Sensibilität seitens der ehrenamtlichen Jugendgruppenleiter*innen bzw. von den hauptamtlich Begleitenden. Heruntergebrochen auf die Jugendfreiwilligendienste werden ausgehend dieser Erkenntnisse Hinweise auf die Qualifizierung des pädagogischen Personals, insbesondere auf eine Sensibilisierung der in der Regel pädagogisch nicht geschulten Fachanleiter*innen in Puncto Queer- und Genderkompetenz gegeben.

In der oben bereits erwähnten LSBT*-Jugendstudie „Coming-out – und dann…?! wurde beispielsweise das Alter beim Bewusstwerden der sexuellen Orientierung sowie das Alter beim Bewusstwerden der geschlechtlichen Identität erfragt. Auf das Alter der Freiwilligen bezogen bedeutet dies, dass 24,7 %  (einerseits wahrscheinlich weniger, da die 15-Jährigen mit eingeschlossen sind, andererseits geben 25,3 % an, dass sie dies nicht genau sagen könnten) der Befragten angaben, dass sie sich bez. ihrer sexuellen Orientierung in dieser Altersspanne bewusst wurden. Hingegen gaben 19,3 %  (einerseits wahrscheinlich weniger, da die 15-Jährigen mit eingeschlossen sind, andererseits gaben 26,9 % an, dass sie dies nicht genau sagen könnten) der Befragten an, dass sie sich in dieser Altersspanne bez. ihrer geschlechtlichen Identität bewusst geworden sind. Dies bedeutet für die Freiwilligendienste, dass ein Fünftel bis ein Viertel aller queeren Jugendlichen erst im Alter ihres Freiwilligendienstes (oder danach, je nachdem, wann sie ein FSJ abgeleistet haben) sich hinsichtlich ihrer sexuellen und/oder geschlechtlichen Identität bewusst geworden sind.

Bezüglich der Befürchtungen eines Coming-outs geben 60,5 % aller Studienteilnehmenden an, dass sie um Probleme in Schule, Ausbildung, Studium oder Arbeitsplatz fürchten. Wir schließen mal die Freiwilligendienste in diese Kategorie mit ein. Interessant sind auch die Angaben zu den erlebten Diskriminierungserfahrungen in Bildungs- oder Arbeitsstätten. 54,8 % gaben an, beschimpft, beleidigt oder lächerlich gemacht worden zu sein, was ggf. vermehrt auf schulische Erfahrungen zurückzuführen ist, hingegen aber 32,3 % angaben, dass ihre geschlechtliche bzw. sexuelle Identität nicht mitgedacht worden sei, weitere 29,1 % gaben an, dass sie hinsichtlich ihrer geschlechtlichen bzw. sexuellen Identität nicht ernstgenommen worden seien. Als Sparten-FSJ ist sicherlich auch diesbezüglich das FSJ-Sport explizit zu nennen, da in der Studie deutlich wird, dass sportliche Betätigung durch Teilnahme am Vereinswesen eher gemieden wird.

Intersektionalität, also die Gleichzeitigkeit von Mehrfachdiskriminierung, ist ein sehr wichtiges Thema. Als Migrant*innenselbstorganisation wissen wir, dass die soziale Hürde für einen Freiwilligendienst deutlich höher ist für Jugendliche mit Migrationserbe als ohne Migrationserbe. Ist der Jugendliche zudem queer, wird es für diese Person gewiss nicht einfacher.

Niedersachsen ist ein besonderes Bundesland und wird nicht umsonst als Flächenland bezeichnet. Neben den großen Metropolregionen um Hannover und Braunschweig und den kleineren Städten Osnabrück, Oldenburg und Göttingen sind es doch eher die vielen klein- und kleinststädtisch geprägten Landschaften. Dies hat sicherlich auch Auswirkungen auf die Lebenssituation von queeren Freiwilligen, da Anlaufstellen und Beratungsangebote ganz unterschiedlich vorhanden sind.

Es bleibt festzustellen, dass die Datenlage zur Lebenssituation Jugendlicher hinsichtlich eines Jugendfreiwilligendienstes gering ist – und dies unabhängig eines Migrationserbes und/oder eines queeren Bezugs. Aktuelle Forschung zu den Jugendfreiwilligendiensten und der damit verbundenen Engagementkultur ist rar. Wir möchten mit unserem auf ein Jahr angelegten multimethodischen Projekt Daten generieren, aus denen konkrete Handlungsempfehlungen abgeleitet werden können. Dabei möchten wir das Themenfeld LGBTIQ* und Freiwilligendienste möglichst allumfassend betrachten, daher werden in die Datenerhebungen auch möglichst alle Stakeholder eingeschlossen. Dieses Projekt ist wie der Freiwilligendienst in seiner pädagogischen Grundausrichtung stark partizipatorisch ausgerichtet. Fühlen Sie sich angesprochen, sprechen Sie uns an, damit wir es ansprechen und aussprechen – machen Sie gerne mit!

Wir möchten Niedersachsen que(e)r durchs Land vernetzen und laden Sie schon jetzt zu unserem Fachtag im Januar 2021 ein.

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